Auntie Anna #1

Anna ist eine korpulente Dame mittleren Alters, trägt pinkes kurzes Haar und gehört zweifelsohne zur weiblichen Minderheit unter den Busfahrern in Namibia. Mit ihrer grellen Stimme sticht sie gekonnt Vuvuzelas, Trillerpfeifen und ein vollbesetztes Bayern-München-Stadion aus, ihren Namenszusatz „Auntie“ verdient sie sich nicht grundlos. Immerhin sorgt sie mit ihrem Geschrei für Recht und Ordnung.

Wenn man mit den lokalen Bussen des Landes fährt, lernt man zwei wertvolle Lektionen: Einerseits wie sich der persönliche Geduldfaden um Längen erweitern lässt und andererseits wie man die drückende Harnblase erfolgreich ignoriert. Denn sitzt man erst einmal in einem Bus, heißt das nicht, dass man auch unmittelbar losfährt. Gefahren wird erst, wenn der letzte Sitzplatz belegt ist. Und das kann in der Regel dauern.

In unserem Fall waren es zwei Stunden, allerdings ließ sich die Wartezeit gut damit überbrücken andere Menschen im Bus zu beobachten: Vorne ein offensichtlich hyperaktiver junger Mann der wild zu jeder Musik mit seinen Armen und anderen  beweglichen Körperteilen herumfuchtelte, hinten zwei schnatternde Mädchen die nicht nur die letzte Reihe mit ihren Geschichten unterhielten und auf dem Fahrersitz Tante Anna die merklich angenervt in ihr Mobiltelefon brüllte. Kurz vor der Abfahrt der lustigen Reisetruppe ließ sich dann ein faszinierendes Phänomen beobachten. Denn wenn Gott ins Spiel kommt, dann geschehen durchaus seltsame Dinge. Auntie Anna schraubte plötzlich ihr Organ eine Oktave tiefer, die Schnatterliesen verstummten und selbst der Tanzbär hielt für kurze Zeit inne. Andächtiges beten wohin man auch blickte. Nicht einmal der kleinste Mucks wanderte durch die Sitzreihen während die Tante gewissenhaft zum Herrn sprach und auf einer fremden Sprache vermutlich für eine gute und sichere Fahrt betete. Nach zwei Minuten Stille glich das Wunder allerdings einer Fata Morgana und die Lautstärke stieg wieder auf gewohntes Level an. Und dann, endlich, setzte sich das Fahrzeug langsam in Bewegung, legte nach fünf Minuten aus ungeklärten Gründen einen erneuten kurzen Stopp ein und polterte im Anschluss ohne weitere Pausen bis nach Keetmanshoop durch. Dank des Gebets kamen wir dort auch unversehrt an und selbst die Blase hielt erstaunlicherweise tapfer durch. Und Tante Anna? Die versicherte sich erst einmal lautstark bei ihren männlichen Kollegen, dass sie uns sicher und wohlbehalten zurück in die Hauptstadt bringen würden.

Bild 12

PS: Diesen Eintrag widme ich allen Taxi- und Busfahrern Namibias, die täglich in ihren überhitzten Autos sitzen und deren Ziel es ist, ihre Gäste möglichst sicher an ihrem gewünschten Bestimmungsort abzuliefern. Allen voran Anna, die ihre Aufgaben sehr ernst und pflichtbewusst wahrnimmt und sich die christliche Nächstenliebe verinnerlicht. Zwar kennt sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal unsere Namen, doch stellt sie für mich nichtsdestotrotz das weibliche Pendant zum heiligen Christopherus dar.

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Ein Gedanke zu “Auntie Anna #1

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